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Expertentipps

Dr. med. Ulrike Hohenfellner

Fachärztin für Urologie, Heidelberg:

„Die meisten Frauen genieren sich anfangs sehr wegen ihrer Harninkontinenz und brauchen oft Jahre, um sich zu einem Besuch beim Urologen durchzuringen. Bei mir in der Praxis äußern sich Betroffene anfangs zunächst nur sehr vorsichtig und geben lediglich ganz unspezifisch an, Probleme mit der Blase zu haben.  

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Ich versuche dann im einfühlsamen Gespräch weitere Details zur Erkrankung zu erfahren und Vertrauen zu der Patientin aufzubauen. Zu diesem Zweck stelle ich Fragen, auf die die Frauen bloß mit ja oder nein antworten können und sich somit nicht bloßgestellt fühlen. So öffnen sich die Betroffenen nach und nach und erzählen von sich aus mehr. Für mich ist es im Anschluss an die Diagnose ganz wichtig, die betroffenen Frauen zu motivieren mit Hilfe einer medikamentösen Therapie sowie eines professionell angeleiteten Beckenbodentrainings über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. In dem Bewusstsein, so eine Operation vermeiden zu können, sind die Patientinnen für ein konsequentes Beckenbodentraining gut motivierbar. Denn viele der Frauen sind in der Vergangenheit nicht zu einem Arzt gegangen, weil sie die Behandlung ihrer Inkontinenz mit Operation gleichgesetzt haben. Erst die Erweiterung des Therapiespektrums um nicht operative Möglichkeiten hat den betroffenen Frauen Mut gemacht, sich in ärztliche Obhut zu begeben."


 

 

Prof. Dr. med. Ralf Tunn

Leiter der Abteilung Urogynäkologie am Deutschen Beckenbodenzentrum am St. Hedwig Krankenhaus, Berlin:

„Ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Belastungsinkontinenz ist Übergewicht, da hierdurch ein erhöhter Druck auf der Blase lastet. In diesen Fällen kann – wenn z.B. zusätzlich eine Beckenbodenschwäche vorliegt – ungewollt Urin abgehen.

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Zugleich stellt der Druck auch eine Belastung des Beckenbodens dar, die die Muskulatur überlasten kann.

Eine Reduzierung von Übergewicht kann meiner Erfahrung nach – neben weiteren gesundheitlichen Vorteilen – auch zu einer Reduzierung von Inkontinenz führen. Aus diesem Grund beschäftigen wir im Beckenbodenzentrum außer Gynäkologen und Physiotherapeuten auch einen Ernährungstherapeuten, der die Frauen bei der Gewichtsreduzierung unterstützt. So kann eine kombinierte Therapie mit Medikamenten  und Beckenbodentraining meiner Erfahrung nach noch besser greifen, und die Betroffenen erfahren bald eine Verbesserung ihrer Erkrankung.“


 

 

Dr. med. Daniela Marschall-Kehrel

Fachärztin für Urologie, Frankfurt:

„Gerade wenn eine Blasenschwäche vorliegt, ist moderate sportliche Betätigung ungemein wichtig. Umso mehr, da ein bedeutender Risikofaktor für die Entstehung einer Harninkontinenz ein vorhandenes Übergewicht ist. Oft sind die Muskeln gleichzeitig in einem schlechten Trainingszustand.

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So genannte sanfte Sportarten, wie zum Beispiel Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking, aber auch Pilates und Yoga haben sich bei Frauen mit Blasenschwäche bewährt. Beim Nordic Walking wird die Körperspannung forciert: Mit Hilfe der Arme, der Rücken- und Bauchmuskulatur versucht man während des zügigen Gehens den gesamten Oberkörper aufzurichten. Dabei wird unwillkürlich auch die Beckenbodenmuskulatur angespannt und so gestärkt. Bei Blasenschwäche eher ungeeignet ist beispielsweise das Joggen auf hartem Asphalt. Auch gute Laufschuhe können hier die Belastung für den Beckenboden nicht abfedern. Generell gilt, dass Sportarten, die mit vielen Sprung- und Aufprallbewegungen sowie Sprints und abruptem Stoppen einhergehen (beispielsweise Tennis und Squash)  eher vermieden werden sollten. Den betroffenen Frauen möchte ich raten: Seien Sie mutig und haben Sie keine Angst, trotz Harninkontinenz auch mal eine neue Sportart auszuprobieren! Sie tun damit etwas für Ihr Wohlbefinden und können Ihre Blasenfunktion meist sehr positiv beeinflussen.“ 


 

 

Dr. med. Gert Naumann

Facharzt für Gynäkologie, Mainz:

„Kommt eine Patientin zu mir in die Sprechstunde, berate ich sie ausführlich und versuche ihre Wünsche und Bedürfnisse an eine Behandlung herauszufinden.

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Manche Frauen wünschen sich direkt eine Operation, aber in der Regel beginnen auch wir mit einer medikamentösen Behandlung. Wie in der Praxis, wird diese auch bei uns oft durch Beckenbodentraining unterstützt, da wir festgestellt haben, dass dieses Vorgehen besonders gut wirkt.“


 

 

Dr. med. Thomas Hagemeier

Facharzt für Gynäkologie, Suhl:

„Um den Beckenboden zu stärken, sollten Frauen ihn kontinuierlich trainieren. Genauso wie sie ihre Haut pflegen oder sich beim Sport fit halten, ist es auch ratsam, für Pflege und Fitness der Beckenbodenmuskeln zu sorgen.

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Und damit sollte meiner Erfahrung nach nicht erst begonnen werden, wenn eine Inkontinenz vorliegt, sondern zur Vorsorge schon in jüngeren Jahren.

Allerdings müssen viele Frauen erst lernen, ihren Beckenboden wahrzunehmen. Wenn ich manche Patientinnen bitte, diese Muskeln anzuspannen, fehlt vielen das Gefühl dafür, wo sie liegen. Bei der Verbesserung dieser Wahrnehmung können Physiotherapeuten mit einer speziellen Ausbildung helfen. Haben Frauen dann ein Gefühl für ihren Beckenboden entwickelt, können ihnen die Übungen in Fleisch und Blut übergehen und lassen sich leichter in den Alltag integrieren.

Viele meiner Patientinnen vergessen aber leider oft an sich zu denken. Ich verschreibe ihnen daher das Beckenbodentraining und setze sie so einem sanften Zwang aus, mit den Übungen zu beginnen. Erfahren die Frauen dann erste Erfolge, stellt sich meist auch schnell die Motivation ein, das Training von sich aus fortzuführen.“


 

 

 

Dr. med. Rainer Lange

Facharzt für Gynäkologie, Alzey:

Es kann viele Gründe geben, die zum unwillkürlichen Harnverlust führen. Auch der behandelnde Arzt kann häufig nicht auf Anhieb erkennen, welche Form der Inkontinenz bei einer betroffenen Frau vorliegt.

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Neben dem gezielten Befragen der Patientin, der so genannten Anamnese, steht dem Arzt als Hilfsmittel zusätzlich ein Miktionsprotokoll zur Verfügung. Darin können Frauen zu Hause über einen festgelegten Zeitraum eintragen, wie viel sie trinken, wann sie die Toilette aufsuchen müssen, in welchen Situationen sie Urin verlieren und wie viele Einlagen sie benutzen. Im Anschluss werden die Protokolle vom behandelnden Arzt ausgewertet.

Dr. Lange, niedergelassener Frauenarzt in Alzey, sieht in dem Miktionsprotokoll eine wichtige Stütze für die Diagnose: „Mit dem Protokoll lässt sich einfach feststellen, wie viel die Patientin trinkt, und ob die Symptomatik eher auf eine Drang- oder eine Belastungskomponente hindeutet.“ Wichtig ist hierbei, dass die Patientin mitarbeitet und das Protokoll so präzise wie möglich ausfüllt. Aus den gewonnenen Informationen ergeben sich zuverlässige Angaben über Schweregrad und Ausprägung der Inkontinenz, die für den Behandlungsprozess genutzt werden können. Auch nach Beginn der Behandlung schätzt Dr. Lange das Protokoll: „Wenn ich einer Patientin zeige, wie stark die Miktionsfrequenz in den letzten Wochen zurückgegangen ist, kann ich sie mit dieser positiven Rückmeldung zusätzlich motivieren.“ Sollten Miktionsprotokoll und Anamnese zu keiner eindeutigen Bestimmung der Inkontinenzform führen, kann der Frauenarzt oder Urologe weiterführende Untersuchungen durchführen. Damit lassen sich zusätzliche Informationen über das genaue Krankheitsbild gewinnen.


 

 

 

Dr. med. Kornelia Hackl

Fachärztin für Urologie,  München:

„Harninkontinenz und Erektionsstörungen haben mehrere Dinge gemeinsam: Die Betroffenen scheuen darüber zu sprechen, beide Leiden schränken die Lebensqualität ein und können sich negativ auf die Beziehung eines Paares auswirken.

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Denn ein Mann, der Probleme mit seiner Erektion hat, zieht sich häufig von seiner Partnerin zurück. Frauen, die Urin verlieren, verhalten sich ähnlich. Auch tun sich die Betroffenen in beiden Fällen oft mit dem Gang zum Arzt schwer. Ich erlebe es in meiner Praxis zum Beispiel sehr häufig, dass Männer, die unter Erektionsstörungen leiden, erst unter - mehr oder weniger sanftem - Druck ihrer Frauen in meine Sprechstunde kommen. Dabei kann eine Therapie der Erektionsstörungen, genauso wie der Harninkontinenz, die Lebensqualität der Betroffenen bedeutend verbessern. Meist steigt ihr Selbstwertgefühl wieder deutlich an und das wirkt sich auch auf die Beziehung zum Partner aus: Denn es ist schön, jemanden zu lieben, der ein gutes Körperempfinden hat und sich in seiner Haut wohl fühlt.“


 

 

 

Dr. med. Heinrich Karstedt

Facharzt für Urologie, Gelsenkirchen:

„Bei uns bekommt die Patientin zuerst einen Termin im Rahmen der normalen Sprechstunde. Nach verschiedenen Untersuchungen, wie zum Beispiel Ultraschall, Urinuntersuchung und Blasendruckmessung, sowie Mitgabe eines Miktionsprotokolles, wählen wir in einem zweiten Termin die passende Behandlung aus.

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Je nach Form der Inkontinenz entscheiden wir uns für Beckenbodentraining und die passende medikamentöse Therapie. Wenn wir mit Medikamenten behandeln, klären wir die Frauen auch über eventuelle Nebenwirkungen auf.

Um mit der Patientin in regelmäßigem Kontakt zu bleiben, ist eine unserer Praxisassistentinnen speziell in deren Betreuung ausgebildet. Sie hat eine direkte Durchwahl und eine eigene Mini-Sprechstunde während ihrer normalen Arbeitszeit. Bei ihr melden sich die Patientinnen üblicherweise telefonisch innerhalb von zehn bis vierzehn Tagen nach Beginn der Behandlung. Dieser erste Anruf soll einen ersten Kontakt herstellen. Außerdem fragen wir direkt nach der Wirkung und Verträglichkeit der Medikamente.

Die Praxisassistentin und wir Ärzte sind in diesen Abläufen bereits ein gut eingespieltes Team. Unsere Patientinnen teilen uns auch mit, dass sie sich mit diesem Arrangement sehr wohl und gut bei uns aufgehoben fühlen.“


 

 

 

Bärbel Junginger

Physiotherapeutin, Berlin:

 „Genau genommen ist "Beckenbodentraining" nicht die richtige Bezeichnung für eine physiotherapeutische Behandlung bei Frauen, die unter Belastung Urin verlieren. Neueste Erkenntnisse aus der Erforschung von Beckenboden-Muskeln lassen anderes erkennen.

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Viele Frauen können ihren Beckenboden gar nicht anspannen, weil bei ihnen die Fähigkeit der Koordination dieser Muskelpartie verloren gegangen ist.

Statt eines Trainings geht es also erst einmal um die Wiederherstellung der Wahrnehmung des Beckenbodens: Die Frau muss wieder lernen, ihren Beckenboden zu koordinieren und willkürlich anzuspannen. Ich lege daher den Fokus der Physiotherapie darauf, die Frau bei der Wiedererlangung ihres Gespürs für den Beckenboden zu unterstützen, denn dieses ist essenziell auf dem Weg zurück zur Kontinenz und damit zu größerer Lebensqualität.

Wenn also eine Frau zu mir in die Praxis kommt, die unter körperlicher Belastung Harn verliert, prüfe ich zunächst, ob sie ihren Beckenboden anspannen kann oder nicht. Hierzu kommen Methoden zum Einsatz, mit denen man die individuelle Funktionsstörung der Muskulatur erkennen kann. Diese Methoden sind: gezielte manuelle Untersuchung der Beckenbodenmuskeln und Ultraschall. Vor allem der Ultraschall, mit dem man die korrekte Anspannung sichtbar machen kann, ermöglicht dann in der Therapiesitzung ein schnelles Lernen. Andere Verfahren wie Biofeedback und Elektrostimulation können gezielt, je nach Ergebnissen der Untersuchung, eingesetzt werden. Das Besondere an dieser Form der Therapie ist, dass Frauen schnell (innerhalb von 1-2 Sitzungen) die richtige Anspannung erlernen und dann selbständig üben können. Die Aufgabe der Physiotherapeuten besteht anschließend in der Beratung zur Integration in Alltag und Sport. Ziel ist, dass jede Frau ihr gewünschtes Aktivitätsniveau wieder erlangen kann.

Da die Wirkung über das so genannte „Motorische Lernen“ abläuft ist ein lebenslanges Üben der Muskeln nur in Ausnahmesituationen notwendig!“